Warum erscheint Gott im Alten Testament streng und hart und im Neuen Testament liebevoll und gnädig?

„Gott ist und bleibt unveränderlich derselbe.“

Schon in den Tagen der urchristlichen Gemeinde tauchte diese Frage auf. Damals versuchten Christen, griechische Philosophie mit den Lehren des Christentums zu verbinden. Sie hielten sich auch an die Regeln der Logik, die Aristoteles im 4. Jh. v. Chr. aufgestellt hatte. Eine dieser Regeln lautet: „Gegensätze dürfen nicht zusammengedacht werden" (Beispiel: schwarz ist nicht weiß, heiß ist nicht kalt, oben ist nicht unten). Als sie nun die Aussagen des Alten Testamentes mit den Berichten über Jesus und den Briefen der Apostel verglichen, glaubten sie, einen Gegensatz zu entdecken. Im Alten Testament schien Gott hart und streng zu sein und im Neuen Testament liebevoll und vergebungsbereit. Aufgrund der Regel des Aristoteles meinten diese Christen, es könne sich hier nur um zwei unterschiedliche Götter handeln. Weil sie jedoch den liebevollen, gnädigen Gott bevorzugten, lehnten sie das Alte Testament ab und damit auch die Juden, das alttestamentliche Volk Gottes.

Die frühe Kirche widersprach zwar den Lehren dieser Christen, trotzdem hat diese Haltung die Christenheit leider bis heute geprägt. Viele Christen halten nichts vom Alten Testament mit seinen Regeln und Geboten. Auch der versteckte Antisemitismus mit seinem abwertenden „das-ist-doch-nur-jüdisch" hat hier seine Wurzeln.

Wer die Bibel kennt, weiß, dass das Neue Testament durch keinen tiefen Graben vom Alten Testament getrennt wird. Gott offenbarte sich Mose als der „Ich bin" (2. Mose 3,14 wörtlich). Gott ist also unveränderlich derselbe. Deshalb finden sich im Neuen Testament Texte wie: „Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen" (Hebräer 10, 31), während wir im Alten Testament lesen: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte" (Jeremia 31,3). Die alttestamentlichen Geschichten vom sofortigen Strafgericht haben im Neuen Testament ihre Entsprechung in dem Bericht über Ananias und Saphira (Apostelgeschichte 5,1-11). Das Gebot von der Nächstenliebe kommt aus dem Alten Testament (3. Mose 19,18.34) und auch die Feindesliebe können wir schon dort finden (Sprüche 25,21).

Gottes Erlösungsplan ist in den Schriften des Alten Testamentes ausführlich dargestellt, besonders im Tempeldienst und den israelitischen Jahresfesten. Wer das Alte Testament beiseite legt, wird also Gottes Handeln und Gottes Willen nicht ganz verstehen. Das wussten die ersten Christen. Deshalb studierten sie immer wieder die Bücher von Mose und den Propheten.

Das Missverständnis vom gnädigen oder strengen Gott hat letztlich seinen Ursprung im Bild, das wir uns von Gott machen. Wir gestalten Gott oft nach unseren eigenen Wunschvorstellungen. Weil wir jedoch über ihn nur das wissen können, was er uns offenbart, müssen wir uns nach den Aussagen der Bibel richten. In ihr wird Gott – sowohl im Neuen als auch im Alten Testament – als liebender Vater beschrieben, der alles einsetzt, um unsere Liebe und unser Vertrauen zu gewinnen. Er ist ein barmherziger und gnädiger Gott, der unsere Schwächen versteht und unsere Schuld vergibt.

Gott ist jedoch nicht nur Liebe, sondern auch Gerechtigkeit. Deshalb wird er eines Tages Gericht halten. Was durch die Sünde zerstört wurde, wird er dann wieder richtig machen und eine neue, gerechte Welt schaffen. Leid und Tod werden für immer enden. – Auch seine Gerechtigkeit ist also Ausdruck seiner Liebe zu uns.

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