Ist die heutige „Zungenrede" mit der biblischen Sprachengabe identisch?

„Die biblische 'Zungende' ist eine Geistesgabe. Deshalb unterscheidet sie sich deutlich vom ekstatischen Reden heidnischer Kulte.“

Es gibt keine Klangbeispiele aus der Zeit der frühen Christenheit. Deshalb können wir unmöglich sagen, dass die heutige „Zungenrede" genau dasselbe ist wie in der urchristlichen Gemeinde (gemeint ist hauptsächlich die Sprachengabe in Korinth, denn in Apg 2,1–13 geht es offensichtlich um Fremdsprachen). Das Neue Testament spricht außerdem nicht eindeutig von unterschiedlichen Sprachengaben: die Fremdsprache und das unverständliche Reden. Das Wort glossa bedeutet außerdem „Zunge, Sprache" und wird im Griechischen hauptsächlich für die Sprache oder Fremdsprache verwendet.

– Die biblische „Zungenrede" ist eine Geistesgabe, deshalb unterscheidet sie sich deutlich vom ekstatischen Reden heidnischer Kulte, aber auch von Lautmalereien, die aus dem Unbewussten kommen. Dieses ekstatische Reden klingt aber ähnlich wie das „Zungenreden" in manchen christlichen Gruppen heute. Deshalb muss die Frage erlaubt sein: Worin unterscheidet sich die Geistesgabe vom anderen „Zungenreden"?

Weil es eine Geistesgabe ist, kann es kein Reden des Unterbewussten sein, wie manche Christen die Sprachengabe heute zu erklären versuchen (auch „ganzheitliches Beten" genannt). Sie kann dann natürlich auch nicht eingeübt werden.

– Die biblische Zungenrede kann und muss übersetzt werden (1 Kor 12,10; 14,5.13.28; übersetzen, auslegen, erklären), sonst soll der Sprecher schweigen. Es ist also keine unverständliche Sprache. Auch in 1 Kor 14,2 kann Paulus Fremdsprachen gemeint haben. Da Korinth eine Hafenstadt war, besaßen die Gemeindeglieder wahrscheinlich die Gabe, in verschiedenen Fremdsprachen zu sprechen, um die vielen Ausländer mit dem Evangelium erreichen zu können. Diese Fremdsprachen benutzten sie offensichtlich im Gottesdienst, um sich vor den anderen mit ihren Geistesgaben zu produzieren (in seinem Brief musste Paulus den Korinther ein klares Wort über Selbstdarstellung, Autoritätsansprüche und Machtkämpfe in der Gemeinde sagen; dazu benutzten sie auch die Geistesgaben).

Redet und betet jemand jedoch in der Gemeinde in einem indischen oder afrikanischen Dialekt, versteht niemand etwas davon. Er redet „Geheimnisse", denn nur Gott kann ihn verstehen. Als die Jünger zu Pfingsten in Fremdsprachen redeten, verstanden die Ausländer zwar ihre eigene Sprache, aber die anderen meinten, die Jünger seien betrunken (Apg 2,4–13). Die Gäste der Korinther dagegen meinten, die Gemeindeglieder seien von Sinnen (1 Kor 14,23) – also eine ähnliche Situation. Deswegen sollten diese auch das Gesagte erklären oder übersetzen.

– Die biblische „Zungenrede" wird vom Gläubigen kontrolliert (1 Kor 14,28.32). Sie kann deshalb kein ekstatisches Reden sein. Sie ist außerdem nicht gegen Jesu Anweisung, dass wir nicht wie die Heiden plappern, sondern klar und verständlich beten sollen (Mt 6,7ff).

Die heutige Zungenrede entspricht also dann nicht der biblischen Sprachengabe, wenn sie nicht übersetzt werden kann, nicht kontrolliert ist, alle durcheinanderreden und wenn sie eingeübt wird.

Da wir im Neuen Testament nur von einer Geistesgabe lesen, die Gott der Gemeinde schenkt, um Fremdsprachige zu erreichen, können wir annehmen, dass Paulus im Korintherbrief auch von Fremdsprachen spricht und deren Missbrauch kritisiert.

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