Hört mich jemand?

Beinahe jeder hat schon einmal gebetet. Wir ahnen im Tiefsten unserer Seele, dass es ein höheres Wesen gibt und sprechen in einem Augenblick der Hilflosigkeit auch zu ihm. Der eine sagt in einer beängstigenden Situation vielleicht nur „O Gott!“, der andere klagt bei einem tragischen Unfall an und schreibt an der Unglücksstelle auf ein Plakat: „Gott, wo warst du?“ Als kleiner Junge saß ich gegen Ende des Krieges mit meiner Mutter im Luftschutzkeller und wartete mit den anderen Hausbewohnern auf das Ende des Luftangriffs. In der Nachbarschaft unseres Hauses schlug eine Bombe ein. Die nächste Bombe explodierte noch näher, daraufhin fing sogar der atheistische Blockwart an zu beten: „Herr, hilf uns!”

Es gibt aber auch Augenblicke großer Dankbarkeit und des Staunens, in denen wir uns an den unbegreiflich Höheren wenden. Der nach einer schweren Operation aufwachende Patient sagt als ersten Satz: „Gott sei Dank, ich bin noch da.“ Oder ein Bergsteiger unter dem Gipfelkreuz angesichts des herrlichen Panoramas: „Mein Gott, was ist die Welt schön!“

Ich weiß nicht, in welcher Situation Sie schon einmal zu Gott geredet haben, aber dass es da einen über uns gibt, der größer ist als wir, das haben wir vermutlich alle schon empfunden.

Als mein Enkelsohn zwei Jahre alt war, verstand er es schon sehr gut, mir zu zeigen, was er gerne wollte. Er streckte seine Hände nach mir aus und sagte „Arm“. Ich verstand ihn. Wenn ich ihn dann auf dem Arm hatte, versuchte ich ihm nach seiner Einwort-Methode den Namen des einen oder anderen Gegenstands einzuprägen, aber ein richtiges Gespräch konnte ich mit ihm natürlich nicht führen. Auf dieser untersten Verständnisebene spielt sich bei vielen Menschen der Kontakt zu ihrem Gott ab: Wissen sie nicht mehr weiter, stammeln sie ein paar flehentliche Worte und hoffen auf Erhörung. Oft berichten sie danach von einem glücklichen Ausgang. (Gott hat zugesagt, auf Notrufe zu antworten!) Läuft das Leben anschließend aber unbeschwert, weil die Beziehungen zu den Mitmenschen intakt sind und die Umwandlung des verdienten Geldes in Lebensgenuss und neue Sachen alle Kräfte beansprucht, unterbleibt der Kontakt zu Gott – bis zur nächsten Krise. Diese Art des Betens erwartet von Gott nur die Rolle eines Nothelfers.

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