Führe uns nicht in Versuchung

Führt uns Gott in Versuchung?

Er war 29 Jahre alt und hatte schon ein Jahr wegen wiederholten Diebstahls im Gefängnis gesessen. Als er das Geschäft betrat, hörte er eine erregte Stimme im Nebenraum, die Verkäuferin telefonierte. Keiner war sonst im Laden. Der Anruf musste überraschend gekommen sein, die Kassenschublade war weit geöffnet, die Geldscheinbündel waren nur zwei Meter entfernt. Er hastete hin und griff zu. Bald darauf saß er wieder im Gefängnis. Ich habe ihn nach seinem Rückfall dort betreut.

Wer das Vaterunser zum ersten Mal bewusst betet, fragt sich vielleicht: Führt uns Gott in Versuchung? Warum müssen wir ihn bitten, es nicht zu tun? Eine Versuchung ist eine hinterhältige Falle; Gott ist doch nicht hinterhältig.

In einer Versuchung muss ich entscheiden: Will ich oder will ich nicht?

Prüft Gott durch Versuchungen meinen Willen? Das griechische Wort für Versuchung, peirasmos, kann auch mit „Prüfung“ übersetzt werden. In einer Prüfung geht es darum: Kann ich oder kann ich nicht? Wie kann eine Mutter ertragen, dass eines ihrer Kinder tödlich verunglückt und kurz darauf auch noch ihr Mann stirbt? Wie groß ist ihre seelische Tragkraft? Ergibt es Sinn zu beten: Führe uns in keine Prüfung?

Gelegentlich prüft Gott seine Kinder – nicht um herauszufinden, wie treu sie zu ihm halten, sondern um ihnen selbst die Tragfähigkeit ihres Glaubens bewusst zu machen. Durchstandene Prüfungen stärken den Glauben. Jesus’ Bruder Jakobus schrieb (Jak 1,2.3): „Wenn in schwierigen Situationen euer Glaube geprüft wird, dann freut euch darüber. Denn wenn ihr euch bewährt, wächst eure Geduld.“ Prüfungen werden hier positiv bewertet. Warum sollten wir dann bitten, keine Prüfung bestehen zu müssen? So kann es nicht gemeint sein.

Die sechste Bitte des Vaterunsers bleibt so lange unklar, bis wir uns bewusst machen, dass Jesus diese Worte gar nicht auf Griechisch gesprochen hat. Er sprach Aramäisch. In einem alten aramäischen Abendgebet heißt es wörtlich übersetzt: „Bringe mich nicht in die Gewalt der Sünde und nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung.“ Der Beter denkt dabei nicht, dass Gott ihn in Sünde, Schuld und Versuchung bringen will, sondern bittet um Bewahrung davor. Dr. George M. Lamsa, dessen Muttersprache Aramäisch ist, übersetzt diese aramäisch gedachte sechste Bitte so: „Lass uns nicht in Versuchung fallen! Oder: Führe uns, auf dass wir nicht in Versuchung fallen!“

Genau in diesem Sinn hat Jesus seine Schüler einen Tag vor seiner Hinrichtung gewarnt: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt!“ (Mk 14,38) Und er verspricht im letzten Buch der Bibel der Gemeinde Philadelphia (Offb 3,10): „Ich will dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die ganze Welt kommen wird.“ Petrus bezeugt: „Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten.“ (2. Ptr 2,9) 

In allen diesen Texten ist von peirasmos die Rede und alle Aussagen bestätigen, dass Gott uns in den Versuchungen des Lebens bewahren will.

Damit kein Missverständnis aufkommt, stellt Jakobus fest: „Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemanden. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.“ (Jak 1,13.14) Da uns Gott nicht versucht, sondern uns im Gegenteil helfen will, darf ich in Versuchungen um Gottes Hilfe bitten. „Vater im Himmel, führe mich so, dass ich in dieser Versuchung nicht falsch entscheide.“

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