Gibt es eine heimliche Entrückung aller Christen?

„Jesus holt seine Gemeinde nicht heimlich und verstohlen in sein Reich, sondern wie ein Bräutigam seine Braut.“

Der Begriff „heimliche „Entrückung" taucht nirgendwo in der Bibel auf. Er geht vielmehr auf den Jesuiten Francisco Ribera zurück. Ribera veröffentlichte 1585 eine Abhandlung, in der er die Anschuldigung der Reformatoren widerlegen wollte, der Papst sei der Antichrist. Seine Theorie nennt man Futurismus, weil danach der Antichrist erst in der Zukunft auftreten wird. Er kommt aus dem Stamm Daniel oder ist ein Jude und wird erst nach der unsichtbaren Wiederkunft Jesu und der heimlichen Entrückung der Gläubigen erscheinen. Er wird den Tempel wieder aufbauen, den christlichen Glauben abschaffen, sich an die Stelle Gottes setzen und die Welt innerhalb von dreieinhalb Jahren erobern.

Im 19. Jahrhundert übernahm die protestantische Welt (wahrscheinlich beginnend mit dem anglikanischen Pfarrer Samuel R. Maitland) die futuristische Sicht Riberas und sah darin eine Möglichkeit, die Feindschaft mit Rom zu beenden. Durch den Dispensationalismus wurde der Futurismus weiter ausgebaut. Er unterteilt die Geschichte der Menschheit in sieben Abschnitte: 1. Zeit der Unschuld (vor dem Sündenfall), 2. Zeit des Gewissens (vorsintflutliche Zivilisation), 3. Zeit der Regierung (nachsintflutliche Zeit), 4. Zeit der Verheißung (Abraham bis Exodus), 5. Zeit des Gesetzes (Levitische Zeit), 6. Zeit der Gnade (Kirchenzeit), 7. Zeit des Friedens (Millennium). Der Dispensationalismus entstand im 19. Jahrhundert auf Grund von Offenbarungen durch Zungenrede in der Kirche Edward Irwings in England. Er wird von der Scofield Reference Bible und von vielen protestantischen Kirchen unserer Zeit vertreten.

Auch wenn diese spekulativen Ansichten über zukünftige Ereignisse keinen Einfluss auf unsere Erlösung durch Jesus Christus haben, können wir doch enttäuscht und in unserem Glauben erschüttert werden, wenn es anders kommt, als wir erwartet haben. Deshalb sollten wir auch in solchen Fragen nicht über das hinausgehen, was die Bibel sagt (vgl. 1. Korinther 4,6).

Paulus spricht in 1. Korinther 15,51 von der „Verwandlung" der lebenden Gläubigen, wenn Christus wiederkommt. Sie geht ja der Entrückung voraus. Die Verstorbenen werden „plötzlich, in einem Augenblick" auferstehen, wenn die „letzte Posaune" erschallt (Vers 52; vgl. auch Vers 22+23). Die lebenden Gläubigen aber werden verwandelt und erhalten wie die Auferstandenen von Gott Unsterblichkeit geschenkt. Der Tod ist für sie nun endgültig besiegt (Vers 53+54).

Dieses Ereignis schildert Paulus in 1. Thessalonicher 4,13-18 ausführlicher: Die lebenden Christen werden den gestorbenen Gläubigen „nicht zuvorkommen". Sie werden nicht vor der Wiederkunft Jesu und der Auferstehung der Toten in das Reich Gottes kommen. Wenn aber Jesus vom Himmel herabkommt und „die Posaune Gottes erschallt", werden „zuerst" die gläubigen Toten auferstehen und dann zusammen mit den lebenden Christen Jesus entgegen gerückt werden.

Die Wiederkunft Jesu, die Auferstehung der Toten, die Verwandlung der lebenden Gläubigen und ihre Entrückung können also zeitlich nicht voneinander getrennt werden. Sie geschehen auch nicht heimlich oder von der Menschheit völlig unbemerkt. Schließlich sind sie das Ziel der Weltgeschichte und der Beginn des Reiches Gottes. In Daniel 2 wird das Kommen Jesu mit einem Stein verglichen, der vom Himmel fällt und alle menschlichen Reiche zermalmt. In Offenbarung 19 kommt Jesus mit dem „Heer des Himmels" – ein für die meisten Menschen schockierendes Ereignis. Entsetzt werden die Gottlosen dann rufen: „Berge fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt!" (Offenbarung 6,16.17). Von heimlichen Ereignissen ist hier keine Rede.

Auch die Aussage, dass die Gläubigen „auf den Wolken in die Luft" entrückt werden (1. Thessalonicher 4,17), meint auf keinen Fall „unsichtbar". Das zeigt ein Vergleich mit anderen Texten über das Kommen Jesu (Matthäus 24,29-31; Lukas 21,26-27; Offenbarung 1,7): Jesus kommt auf den Wolken des Himmels, aber nicht heimlich, sondern „mit großer Kraft und Herrlichkeit". Alle Menschen werden ihn sehen und viele werden wehklagen. – Und genau bei diesem Ereignis werden die Toten auferstehen, die lebenden Christen verwandelt und Jesus entgegen gerückt werden.

Alle diese Schilderungen zeigen, dass die Gläubigen mit Christus vor den Augen der Gottlosen im Triumph in den Himmel aufgenommen werden. Gottes Sohn holt seine Gemeinde also nicht von der Welt unbemerkt in sein Reich – nicht heimlich und verstohlen, sondern wie ein Bräutigam seine Braut.

zurück zur Übersicht