Was passiert mit Menschen, die, obwohl sie eigentlich Christen sind, nach einem Schicksalsschlag sich von Gott so verlassen fühlen, aus Verzweiflung Selbstmord begehen?

Die Frage „Was ist mit Christen, die aus Verzweiflung Selbstmord begehen?" kann man nicht mit einigen Bibeltexten beantworteten. Zwar wird in 1 Sam 31,4 berichtet, dass König Saul sich in sein Schwert stürzte, weil er aus guten Gründen nicht in die Hände seiner langjährigen Feinde fallen wollte. Aber dieses Ereignis wird nicht bewertet. Auch der Selbstmord des Judas (Mt 27,5) bringt keine Antwort auf diese Frage. Bei diesen beiden Selbstmördern handelte es sich außerdem um Menschen, die sich bewusst gegen Gott entschieden haben und nicht zur Umkehr bereit waren.

Die Bibel berichtet aber nicht von Menschen, die in Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Depression ihrem Leben ein Ende setzten, obwohl sie an Gott glaubten. Sie spricht nur von Verzweifelten, die sich den Tod wünschten, wie Elia, Hiob oder Jona (1 Könige 19,4; Hiob 7,15; Jona 4,3), die aber zu neuem Lebensmut zurückfanden. Gott verurteilte übrigens diese Männer nicht, weil sie sterben wollten. Er half ihnen vielmehr aus ihrer Depression heraus.

Die Kirche sprach im Mittelalter Selbstmördern das ewige Leben ab, weil sie das 6. Gebot („Du sollst nicht töten") übertreten hätten, ohne hinterher ihre Sünde bereuen zu können, weil sie ja tot waren. Ich denke, dass die Theologen es sich mit diesem Urteil zu einfach gemacht haben. Ihr Gedankengang war zwar logisch, aber nicht unbedingt theologisch. Wenn ich beispielsweise wütend über einen Autofahrer werde und im nächsten Moment durch einen Unfall ums Leben komme, hätte ich dann ja auch keine Vergebung meiner letzten Sünde erhalten. Also wäre nicht meine Entscheidung für Christus, mein Glaube, für das ewiges Leben ausschlaggebend, sondern mein letzter Gedanke oder sogar der Unfall, weil ich sicherlich um Vergebung meiner Schuld gebetet hätte, wäre ich nicht ums Leben gekommen. Ich denke, dass Gott es nicht zulässt, das seine Kinder durch einen Herzinfarkt, durch Glatteis oder einen betrunkenen Autofahrer vom ewigen Leben ausgeschlossen werden.

Die Gnade und Liebe Gottes, die Vergebung unserer Sünden und die Annahme als Kinder Gottes sind keine punktuellen und immer wieder nötigen Ereignisse, sodass ich einmal Gottes Kind und damit erlöst bin und ein anderes mal nicht. Durch unseren Glauben an die Erlösung durch Christus sind wir vielmehr Gottes Kinder und haben das ewige Leben (1 Joh 5,12.13) – auch wenn es uns schlecht geht, wenn unsere Gefühle Achterbahn spielen oder unser Gehirn krank wird. Wir bleiben seine Kinder (Röm 8,31–39), solange wir uns nicht von Gott abwenden und seine Liebe zurückweisen.

Gerade Gottes seelsorgerlicher Umgang mit den Verzweifelten zeigt, dass er uns Menschen versteht, wenn wir am Boden liegen und keinen Ausweg mehr sehen. Wer schwach ist, den will er nicht zerbrechen, sondern aufrichten (Jes 42,3). Wenn jemand beispielsweise in einer manisch-depressiven Psychose eine Kurzschlusshandlung begeht, dann rechnen wir dies dem Menschen nicht an. Ich glaube, dass Gott uns besser versteht als Menschen und deshalb eine Verzweiflungstat auch nicht anrechnet. Er ist kein Scharfrichter, sondern ein liebender Vater.

In einem Faltblatt hieß die Überschrift „Gott spricht das letzte Wort – auch in deinem Leben". Ich möchte dies auch auf die Frage „Selbstmord" beziehen. Sicherlich wird Christus einen Unterschied machen, ob ein Christ auf Grund einer seelischen oder geistigen Erkrankung seinem Leben ein Ende setzt oder jemand seinen Tod kühl geplant hat.

Für mich haben die Christen mehr Verantwortung vor Gott, die durch ihre Lebensweise einen schleichenden Selbstmord begehen, als seelisch Kranke. Wer beispielsweise weiß, dass Rauchen das Leben verkürzt (täglich 400 Tote in Deutschland durch Nikotingenuss) und trotzdem weiter raucht, begeht ja auch Selbstmord. Hier könnten wir viele weitere Beispiele aufzählen. Wer also durch seinen Lebensstil zeigt, dass er das von Gott geschenkte Leben missachtet, wird sicherlich von Gott anderes zu hören bekommen, als jemand, der unter seelischem Druck oder in Krankheit keinen anderen Ausweg mehr sah, als den Tod.

Es macht mich übrigens nachdenklich, dass Deutschland die höchste Depressions- und Selbstmordrate der Welt hat, während in Schwarz-Afrika Selbstmorde und depressive Erkrankungen praktisch unbekannt sind (eben wie damals im Volk Israel). Unser Lebensstil, unser Wohlstand und unsere moderne Lebenshaltung haben uns also nicht wirklich glücklich gemacht.

Horst-Rainer H. aus Lüneburg

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